Kreuzbandriss, was tun!

Ein Schicksalsschlag für Jogi L.

Das Drama begann am Tag vor unserem Aufbruch in die Sommerferien. Dabei hatte meine Frau noch gesagt, dass es vielleicht nicht so schlau ist, einen Tag vor Ferienbeginn zum Sonntagskicken zu gehen und eine Verletzung zu riskieren. Doch welcher wirkliche Fußballfan würde nicht dem Ruf des „Freundes aus Leder/Kunstleder“ folgen, wenn herrlichstes Sommerwetter und die besten Fußballkumpel rufen. In sprichwörtlich letzter Minute kam dann dieser eine Ball, den ich vor fünf Jahren noch locker bekommen und möglicherweise sogar im Tor versenkt hätte (eigene Perception:“ ganz sicher hätte ich den gemacht“ versus Zeugenaussagen aus dem eigenen Team „träum weiter alter Mann“).

Doch Ende Juni 2017 verlief die Hirn-Bein-Koordination genau die eine Zehntelsekunde zu langsam, was dann zu diesem äußerst unschönen Schnalzgeräusch eines abreißenden Bandes /Muskelstrangs führte – jeder der es schon mal erlebt hat, weiß was ich meine. Die Konsequenz war neben dem sich selbst verfluchen, wie man nur so doof sein kann: a) zum Kicken zu gehen und b) sich dann auf dem Platz so dämlich anzustellen, ein kläglicher humpelnder Abgang vom Feld. Bitte, bitte kein Kreuzbandriss, aber schließlich hatte ich noch nie eine ernstere Sportverletzung.

Tipp 1: Die PECH-Methode hilft. Wird schon nicht so schlimm sein, bestimmt nur ein Muskelfaserfaserriss.  Zu Hause habe ich dann erst einmal gesenkten Hauptes den kurzen, aber prägnanten Rüffel der Gattin ertragen und mich dann gleich aufs Sofa begeben. Nun stand „PECH“ an, was nicht nur für das erlittene Fußballerleid, sondern vor allem für die vier Grundverhaltensregeln nach Muskelverletzungen, die zum Großteil auch für Bänderprobleme anwendbar sind, steht: Pause – Eis – Compression (Druckverband) – Hochlagerung.

Und es wurde tatsächlich besser. Der Schmerz und die Schwellung ließen rasch nach und dank der kurz zuvor erworbenen Kniebandage von Aldi (7,90 € gut investiertes Geld) wurde es sogar ein super Urlaub mit Bergwanderungen und vielen Outdooraktivitäten im Alpenraum. Also doch nur ein vergleichsweise harmloser Muskelfaserriss, oder?

Der Mann an sich vermeidet ja wenn möglich den solche Fragestellungen auflösenden Arztbesuch und versucht sich in Selbstmedikation. Und tatsächlich konnte ich bald wieder Rad fahren, joggen und etwa 8 Wochen später wieder mit angezogener Handbremse kicken und im Herbsturlaub sogar Beach-Volleyball spielen. Getreu dem alten rumänischen Sprichwort „Übermut kommt vor dem Fall“ habe ich dann Ende Oktober auch noch bei einem Hallenkick zugesagt. Großartige Idee, zumindest bis Minute 3 und das nach einem ausgiebigen Warmmachen. Wieder habe ich mir das Knie verdreht. Und diesmal das volle Programm: Einblutung vom feinsten, riesige Schwellung, bei der nun auch das PECH-Programm nicht mehr half und die Einsicht, vielleicht doch einen Arzt zu konsultieren.

Angesichts der zu erwartenden kurzfristigen Terminprobleme habe ich dann schamlos Vitamin B bei der Anbahnung eines MRT-Termins (Magnetresonanztomographie) genutzt (wohl dem, der eine gute Freundin in einer Arztpraxis hat). Und schließlich den Trumpf schlechthin vom deutschen Gesundheitswesen gezogen: „Aber ich bin doch privat versichert!“ Und siehe da, binnen 48 Stunden hatte ich sowohl einen Termin beim Kniespezialisten als auch im MRT.

Infokasten MRT = Magnetresonanztomographie

Die Magnetresonanztomographie, abgekürzt MRT ist ein bildgebendes Verfahren, das vor allem in der medizinischen Diagnostik angewandt wird. Mit der MRT kann man dank starken Magnetfeldern sowie magnetischen Wechselfeldern im Radiofrequenzbereich Schnittbilder des menschlichen Körpers erzeugen, also quasi ein Foto vom Innenleben zum Beispiel eines Knies erzeugen. Und das ohne belastende Strahlung wie etwa beim Röntgen.

Die niederschmetternde Diagnose – das Kreuzband ist weg!

Beim MRT müsst Ihr darauf achten, dass ihr möglichst kein offenes MRT auswählt, das ist zwar weniger gruselig, da man nicht komplett in eine fast körperenge Röhre geschoben wird, es liefert aber auch nur bedingt geeignete Bilder.

Tipp 2: Ich war in einem halboffenen MRT, also einem Kompromiss zwischen dem geschlossenen und dem offenen MRT im Radiomedicum Kelkheim. Man unterzieht sich einer knapp 15minütigen Untersuchung, bei dem der durch das MRT-Gerät erzeugte sehr unangenehme Lärm durch gute Kopfhörer gemildert wird. Für Leute mit Platzangst – und da gibt es verdammt viele – empfiehlt es sich, mit einem Arzt durchaus die Einnahme von Beruhigungsmitteln zu besprechen. Kurz nach der Untersuchung bekommt man eine Art Kurzdiagnose, die in meinem Fall bereits niederschmetternd war. „Schauen Sie Mal, Herr Dietz, wie Sie sehen können, sehen Sie nichts in Ihrem Knie“.

Zumindest nicht dort, wo normalerweise mein vorderes Kreuzband sein sollte. Und weil das noch nicht zu reichen schien, wurde noch einer draufgesetzt: „Im Übrigen haben Sie auch noch eine alte, aber verheilte Verletzung des Innenbandes und am Innenmeniskus sieht auch nicht alles gut aus.“ Für das nun eigentlich nötige frustabbauende Herrengedeck war es um 9 Uhr morgens leider noch zu früh. Also humpelte ich ins Büro, denn schließlich war um 12 der eigentliche Orthopäden-Termin, vielleicht gab`s ja noch Hoffnung.

Die Auswahl der Ärzte – Immer eine Zweitmeinung einholen

Stichwort: richtiger Arzt. Hier empfiehlt es sich den Bekanntenkreis zu konsultieren. Fast jeder Skifahrer oder Fußballspieler hat entweder selbst schon üble Erfahrungen mit den Bändern gehabt oder kennt jemanden, der hier weiter helfen kann. So auch bei mir. Schnell hatte ich eine Handvoll Namen, die angeblich alle die besten Knie-Spezialisten mit den meisten OPs sogar bei Spitzensportlern sind.

Doch wer die Qual hat…, nachdem ja angeblich jeder der Beste sein soll, wer ist dann für mich der Richtige.

Tipp 3: Hole dir nach der Erstuntersuchung auch immer eine Zweitmeinung ein. Das Freundschafts-Tipp-Ranking für die Kreuzbandexperten schlechthin reichte bei von: Geh gleich nach Innsbruck (dort wurden gerade die beiden deutschen Skirennläufer Neureuther und Luitz am Kreuzband operiert) oder wenigstens nach Straubing (Fußballerhochburg), Freiburg (Professor Lehmann) oder in die Athos-Klinik nach Heidelberg. Da musste es doch auch Expertise im Radius von 20 Kilometern rund um meinen Heimatort Kelkheim geben. Und tatsächlich, gute Erfahrungen haben Bekannte mit der Uniklinik Frankfurt, dem Hoechster Klinikum, einem Klinikum in Offenbach (dürfen Frankfurter aus ethisch-moralischen Gründen aber nicht hin) der Privatstation in Bad Soden und sogar in Kelkheim direkt gemacht.

Das Kreuzband ist durch, welche Optionen gibt es

Im Ärztezentrum meines Heimatorts operiert nämlich Dr. Alexander Bruder, Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie, der seine Praxis im benachbarten Eschborn hat. Warum also in die Ferne schweifen, der Arzt wurde mir als sehr kompetent und sportaffin beschrieben, was genau meinen Wünschen entsprach. Mein Gespräch mit ihm war tatsächlich gut und zielführend. Er ist ein guter, empathischer Arzt, der nicht sofort auf die OP abzielt, sondern mir offen und transparent die Alternativen aufgezeigt hat. Es kann nämlich auch ein durchaus sportiv erfülltes Leben ohne Kreuzband geben.

Wer sich gegen einen operativen Eingriff entscheidet sollte sich aber klar darüber sein, dass die etwas leistungsorientierteren Varianten wie Buckelpistenfahren oder über den Freizeitkick hinausgehendes Fußballspiel oder Hallentennis „mit Laufen und ohne Mondbälle“ mit dem Risiko verbunden sind, dass die Kollateralschäden, zum Beispiel für einen Knorpelschaden wenn wieder etwas am Knie passiert, lebenslange Konsequenzen haben können. Schließlich fehlt der Schutz des Kreuzbandes, das immerhin Belastungen von 200 Kilogramm abfedern kann. Und versucht einmal jemanden zu finden, dem es gelungen ist, seinen kaputten Knieknorpel wieder herzustellen. Was aber sehr wohl möglich ist ohne Kreuzband, sind Alltagssportarten wie Radfahren, Laufen etc. Ob dabei die eigene Psyche mitspielt oder immer als Handbremse fungiert, bloß nicht umzuknicken, muss jeder selbst beurteilen können.

Also überlegt Euch genau, wofür Ihr Euer Kreuzband in Zukunft noch brauchen könnt. Nachdem ich mich als zumindest ambitionierten Sportler sehe (siehe hierzu das Thema Eigen- und Fremdperception meiner Freunde im ersten Absatz des Textes), der weiterhin durchaus Schwarzpisten-Skifahren und (sagt es nicht meiner Frau) eventuell sogar wieder Fußball spielen möchte, fiel mir die Entscheidung relativ leicht. Erst recht, nachdem ich wie oben empfohlen selbst eine Zweitmeinung eingeholt hatte.

Der Kreuzband-Experte meines Vertrauens – was hilft mir die eigene Internetrecherche

Die Wahl des zu konsultierenden zweiten Kniespezialisten fiel bei mir auf Dr. Uwe Horas Chefarzt Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie des Krankenhaus Bad Soden. Warum ich mich schließlich für ihn als den Kreuzband-Chirurgen meines Vertrauens entschieden habe? Ein ganz wichtiges Entscheidungskriterium für die Wahl des (hoffentlich) richtigen Operateurs ist die Zahl der Kreuzbandeingriffe, die er pro Jahr durchführt. Ausgewiesene Koryphäen kommen locker auf eine dreistellige Zahl. So auch die Herren Bruder und Horas.

Dr. Horas und das war der entscheidende Auswahlkriterium für mich hat ein heutzutage seltenes Gut bei Ärzten angewendet: sich viel Zeit für mich genommen, mir nachvollziehbar die Wirkungsweise des Wunderwerks Knie erklärt (inklusive einer Zeichnung!), die einzelnen Schritte der für mich relevanten Variante Kreuzbandersatz für die kommenden Monate näher gebracht und einfach enorm kompetent gewirkt, bis hin zu der Empfehlung ruhig die ihm bekannten Ärzte in Heidelberg oder Straubing aufzusuchen.

Tipp 4: Vorsicht bei der Eigenrecherche im Internet. Wie intensiv soll ich das Internet konsultieren, um mich rund um das Thema Kreuzbandriss und en richtigen Arzt zu informieren? Mein Rat lautet, es kommt auf die eigene Erwartungshaltung an. Nutzt das Internet, verzweifelt aber nicht an der Vielfalt der meist unkonkreten, für jeden Fall oft ungeeigneten Ratschläge und Empfehlungen.

Es hilft die Messlatte niedrig zu legen, soll heißen: erwartet nicht, dass Ihr eine einfache Lösungs-/Behandlungsweg gezeigt bekommt, der ein Wunschlos-glücklich-Paket ist. Wie bei fast allen schwierigeren Gesundheitsproblemen werdet Ihr vor allem kritische Stimmen und eine Vielfalt unterschiedlichster Empfehlungen bekommen, bis hin zur Aussage „der Mann hat mir mein Leben ruiniert“. Was heißt das konkret: Informiert Euch darüber wofür das Kreuzband überhaupt da ist, wie komplex das Knie aufgebaut ist und eventuell noch die Grundstruktur eines möglichen Behandlungsplanes, damit Ihr in etwa wisst, was wann auf Euch zukommt.

Spätestens bei Punkt 1 und 2 werdet Ihr sehen, dass eine Kreuzband-OP zwar als „Routineeingriff“ gilt, der in der Regel auch noch minimalinvasiv, das heißt ohne größere Schnitte auskommt, es aber mitnichten selbstverständlich ist, dass das aus dem Oberschenkel entnommene Stück Sehne auch tatsächlich perfekt lernt ein Kreuzband zu werden und rechnet nicht damit, dass Ihr 100% Eurer bisherigen Leistungsfähigkeit zurückbekommt (dazu später mehr).

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2 Kommentare

  1. Meine Freundin verletzte sich ebenfalls stets während des Fußballspielens. Der Ball war alles für sie. Nach mehreren Problemen mit dem Knie musste sie sich eine Zweitmeinung der Orthopädische Chirurgie einholen. Mittlerweile ist sie ruhiger geworden und achtet mehr auf ihre Gesundheit.

  2. Wie Sie richtig anführen, sollte man bei Verdacht eines Kreuzbandrisses eventuell in Absprache mit dem Arzt eine geschlossene MRT Untersuchung wählen. Menschen mit Platzangst können ebenso über die Einnahme von Mitteln zur Beruhigung nachdenken. Vielen Dank für Ihren Beitrag zur Diagnose und Therapie beim Kreuzbandriss.

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