Es gibt Radtouren, die man fährt – und es gibt Touren, die man erlebt. Der Ostseeküstenradweg von Lübeck nach Stralsund gehört definitiv zur zweiten Kategorie. Vier Tage auf dem Gravelbike entlang der Ostsee, durch malerische Hansestädte, endlose Naturschutzgebiete, kleine Fischerdörfer und vorbei an bewegender deutscher Geschichte. Dazu reichlich Wind, Regen, Sonne, zwei Reifenpannen und unzählige unvergessliche Momente.
Etappe 1: Lübeck – Wismar (75 km)
Der Start hätte norddeutscher kaum sein können: Regen, Wind und grauer Himmel begleiteten uns auf den ersten Kilometern von Lübeck nach Travemünde. Von dort ging es mit der Fähre über die Trave auf den Priwall.
Heute ein beliebtes Naherholungsgebiet, war der Priwall während der deutschen Teilung Teil der streng bewachten innerdeutschen Grenze. Zwischen Priwall und Brook spielten sich viele dramatische Fluchtversuche über die Ostsee ab. Mehr als 5.000 Menschen versuchten auf diesem Weg, aus der DDR zu fliehen. Viele bezahlten ihren Freiheitswillen mit dem Leben.
Hinter dem Priwall zeigte sich der Ostseeküstenradweg von seiner besten Seite: links das Meer, rechts Felder und Wiesen, dazwischen hervorragend ausgebaute Radwege. Die erste längere Pause legten wir an der Gedenkstätte Cap Arcona ein. Hier erinnert vieles an die Tragödie vom 3. Mai 1945, als britische Flugzeuge die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“ versenkten. Die Schiffe waren mit Tausenden KZ-Häftlingen überfüllt – einer der größten Schiffskatastrophen der Geschichte.
Der Wind wurde stärker, der Regen blieb unser ständiger Begleiter. Nach einer weiteren Pause im Ostseebad Boltenhagen erreichten wir schließlich Wismar.
Übernachtungstipp
Hanse House Wismar Ein gemütliches Hotel mit sicherer Fahrradunterstellung und kleiner Werkstatt in idealer Lage für einen Stadtbummel.
Restauranttipp
Kutterkaten am Hafen Frischer Fisch direkt am Wasser. Die Scholle war hervorragend. Einziger Nachteil: Die Küche schließt bereits um 20 Uhr – selbst in der Ferienzeit.
Etappe 2: Wismar – Warnemünde (70 km)
Der zweite Tag führte zunächst weg von der Küste ins Landesinnere. Zwischen riesigen Getreidefeldern und kleinen Dörfern rollten wir Richtung Rerik am Salzhaff. Ein Highlight unterwegs ist die historische Stover Mühle, eine vollständig funktionsfähige Windmühle. Direkt gegenüber lädt ein Scheunencafé zu einer Pause ein. Selbst gebackenes Brot, Kuchen und Backwaren aus dem Holzofen sorgen für neue Energie.
Das Wetter blieb unerquicklich: Regen und kräftiger Gegenwind machten jeden Kilometer zur Arbeit. Erst ab Kühlungsborn führte die Route wieder direkt an der Ostsee entlang. Vorbei am eleganten Heiligendamm ging es schließlich bis nach Warnemünde.
Doch die Strecke hatte noch eine Überraschung für uns parat: Zwei Reifenpannen im strömenden Regen wollten repariert werden. Nicht unbedingt das, was man sich unter einem entspannten Radurlaub vorstellt.
Übernachtungstipp
DOCK INN Hostel Warnemünde Ein außergewöhnliches Hotel im Hafen, gebaut aus alten Überseecontainern. Moderne Zimmer, Sauna, Gemeinschaftsküche und viele Aufenthaltsbereiche sorgen für eine besondere Atmosphäre. Die junge Crew ist außergewöhnlich hilfsbereit – sogar der Hausmeister unterstützte uns beim Montieren eines neuen Reifens.
Etappe 3: Warnemünde – Zingst (70 km)
Am dritten Tag zeigte sich die Ostsee endlich von ihrer freundlichen Seite.
Mit der Fähre ging es zunächst zur Hohen Düne. Die Sonne kam heraus, der Wind wurde erträglicher und die Landschaft immer beeindruckender. Ab Graal-Müritz führte der Weg wieder direkt am Meer entlang. Je näher wir dem Saaler Bodden kamen, desto schöner wurde die Umgebung. Die kleinen Orte Wustrow, Ahrenshoop und Althagen wirken wie aus einem Bildband über die Ostsee.
Besonders der Hafen von Althagen ist ein echtes Kleinod. Wer hier eine Pause einlegt, sollte unbedingt im Räucherhaus einkehren und den hausgemachten Matjes probieren. Ahrenshoop erinnerte uns ein wenig an Sylt: stilvolle Häuser, gepflegte Gärten, Galerien und eine insgesamt etwas exklusivere Atmosphäre.
Die Route führte anschließend entlang des Boddengewässers durch riesige Vogel- und Naturschutzgebiete. In Born und Wieck prägen reetgedeckte Häuser, gepflegte Grundstücke und unendlich viel Natur das Bild. Ab Wieck ging es wieder Richtung Küste. Leider direkt gegen den Wind. Kilometer für Kilometer kämpften wir uns nach Zingst vor.
Übernachtungstipp
Vier Jahreszeiten Zingst Etwas außerhalb gelegen, aber mit hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis. Spa-Bereich, gutes Frühstück, sichere Fahrradunterbringung und angenehm ruhige Zimmer machten die Ankunft besonders angenehm.
Etappe 4: Zingst – Stralsund (ca. 65 km)
Die letzte Küstenetappe bot noch einmal alles, was den Ostseeküstenradweg ausmacht: Meer, Boddenlandschaften, Naturschutzgebiete und weite Felder. Teilweise fuhren wir stundenlang durch nahezu menschenleere Landschaften. Immer wieder trafen wir auf andere Radreisende, die ein Stück des Weges mit uns teilten. In Erinnerung geblieben ist uns besonders eine Radfahrerin, die wie wir in Lübeck gestartet war, deren Reise jedoch erst richtig begann: Ihr Ziel lag noch viele Etappen entfernt im estnischen Tallinn.
Die Landschaft wurde leicht hügeliger, die Felder schienen endlos, und immer wieder wechselten sich Küstenabschnitte mit naturbelassenen Waldstücken ab. Am späten Nachmittag erreichten wir schließlich Stralsund.
Übernachtungstipp
Dormero Hotel Stralsund Mitten in der Altstadt gelegen, ruhig, mit Fahrradkeller und außergewöhnlich freundlichem Personal. Der Hotelmanager lud uns sogar spontan zum Frühstück ein, obwohl dies ursprünglich nicht inkludiert war.
Stralsund – die perfekte Zielstadt
Stralsund ist ein würdiger Abschluss dieser Tour.
Die historische Altstadt gehört seit 2002 zum UNESCO-Welterbe und begeistert mit norddeutscher Backsteingotik, beeindruckenden Bürgerhäusern und einem wunderschönen Hafen. Rund um den Alten Markt mit Rathaus und Nikolaikirche lässt sich stundenlang flanieren. Direkt im Hafen liegt außerdem die Gorch Fock I, die besichtigt werden kann.
Kulinarisch hat Stralsund ebenfalls Geschichte geschrieben: Hier wurde der berühmte Bismarckhering erfunden. Der Fischhändler Johann Wiechmann schickte 1871 ein Fass seiner eingelegten Heringe an Reichskanzler Otto von Bismarck, der der Spezialität schließlich ihren Namen verlieh. Wer den originalen Bismarckhering probieren möchte, wird bei der traditionsreichen Fischräucherei Rasmus fündig.
Restauranttipp
Klabautermann am Hafen Ausgezeichnete regionale Küche mit frischen Flundern aus dem Bodden.
Bonus-Etappe: Hamburg – Lübeck (85 km)
Am nächsten Morgen ging es mit dem ICE zurück nach Hamburg. Die Fahrradplätze hatten wir vorsorglich reserviert.
Wir verbrachten noch eine Nacht bei einer Freundin in Hamburg, bevor wir uns am nächsten Tag wieder auf die Räder schwangen und die letzte Etappe zurück nach Lübeck in Angriff nahmen. Besonders der Abschnitt entlang des Alsterradwegs überraschte uns positiv. Verwunschene Waldpfade, moorartige Landschaften, kleine Teiche, Auenwälder und eine nahezu dschungelartige Vegetation machten diese Zusatzetappe zu einem weiteren Highlight der Reise.
Fazit
Der Ostseeküstenradweg, unser Abschnitt von Lübeck nach Stralsund, gehört für uns zu den schönsten Radreisen die wir bereits gemacht haben.
Die Strecke verläuft überwiegend abseits von Straßen auf hervorragend ausgebauten Radwegen. Die Mischung aus Ostseeküste, Boddenlandschaften, Hansestädten, historischen Orten und weitläufiger Natur sorgt für enorme Abwechslung. Besonders beeindruckend waren die vielen Naturschutzgebiete und die nahezu autofreien Abschnitte.
Unser persönliches Highlight war die 3. Etappe von Warnemünde über den Darß bis nach Zingst. Die Kombination aus Küstenlandschaft, Bodden, Fischerdörfern und reetgedeckten Häusern ist schlicht traumhaft.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt jedoch: Die Beschilderung könnte deutlich besser sein. Oft fehlt eine einheitliche Kennzeichnung des Ostseeküstenradwegs. Ein durchgängiges Logo oder ein klar erkennbares Symbol würde die Navigation erheblich erleichtern.
Auf jeden Fall sollte man regenfeste Kleidung dabei haben, auch wenn die Wettervorhersage SONNE zeigt, heißt das nicht das sie auch scheint. Der Regen kommt und geht auch ohne Ankündigung.
Trotz Regen, Gegenwind und zwei Reifenpannen bleibt vor allem eines in Erinnerung: Endlose Küstenwege, frische Ostseeluft und das Gefühl, mit jedem Kilometer ein Stück mehr zu entschleunigen. Genau dafür wurde „Freunde unterwegs – Mit Vollgas entschleunigen!“ gemacht. 🚴🌊☀️




















